Die 'Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage' - Ein komplexer politischer Entscheidungsprozess als historiographisches Problem
Zusatztext
Dass seit dem Sommer 1942 systematisch das Ziel verfolgt wurde, sämtliche unter deutscher Herrschaft stehende Juden umzubringen und somit die seit langem angestrebte "Endlösung der Judenfrage" herbeizuführen, wird kaum angezweifelt. Am 17. Juli 1942 trafen die ersten Juden aus dem Reichsgebiet in Auschwitz ein, am 19. Juli präsentierte Himmler den Plan, bis Ende des Jahres die Juden des Generalgouvernements, der besetzten, aber nicht ins Reich eingegliederten Gebiete Polens, mit Ausnahme weniger "arbeitsfähiger" zu töten und die Ausweitung der Deportationen von den Juden Deutschlands auf die der verbündeten Staaten deutete sich an.1 Doch wie hat man sich die Entscheidung vorzustellen, die zu der Umsetzung dieser sich jenseits jeglicher moralischer und legaler Grenzen befindenden Politik führte? Denn auf irgendeine Weise müssen die Weichen für die systematische Vernichtung gestellt worden sein, da die nötigen "Ressourcen" für die Ermordung der europäischen Juden auch erst geschaffen werden mussten. Es ist nicht erstaunlich, dass sich um die "Entscheidung zur Endlösung der Judenfrage" gegen Ende der siebziger Jahre eine der größten Kontroversen der Zeitgeschichte entwickelt hat. Die Interpretation der nationalsozialistischen Judenpolitik seit 1933, insbesondere nach Kriegsbeginn 1939, und die Gewichtung der verschiedenen, die Entwicklung beeinflussenden Faktoren ließ auf der einen Seite viel Interpretationsspielraum, brachte aber die Historiker aufgrund der Einzigartigkeit des Phänomens und der Sensibilität des Erkenntnisgegenstandes Holocaust oft in Erklärungsnot. Während die Anhänger der einen Position, die Funktionalisten, Chaos und eine fortschreitende, automatisierte Radikalisierung im Handeln der Nationalsozialisten zu erkennen meinten, postulierte das zweite Lager, die Intentionalisten, diesbezüglich die Existenz eines maßgeblich von Hitler beeinflussten Planes und somit die Zielgerichtetheit des politischen Handelns.2 Die zwei Hauptfragen, um die sich die Kontroverse drehte, war zum einen die nach dem Zeitpunkt der Entscheidung bzw. dem zeitlichen Ablauf des Entscheidungsprozesses zum Beginn der "Endlösung der Judenfrage"3 im Sinne von Massenvernichtung. Die zweite Frage war, welches Gewicht Adolf Hitler innerhalb dieses Prozesses zukommt. Insbesondere fragte man sich, ob zu erkennen sei, in welchem Maße er an den judenpolitischen Entscheidungen und ihrem Vollzug im Vorfeld beteiligt war, also den Prozess aktiv mitgestaltete, und ob dabei die systematische Massenvernichtung bereits als reales, aus seiner radikal-antisemitischen Ideologie hervorgegangenes Ziel seiner Politik verfolgt wurde.4 Für die Beantwortung dieser Fragen deckten sowohl Intentionalismus als auch Funktionalismus wichtige Aspekte auf, beide griffen jedoch in vielen Bereichen zu kurz, sodass sich stetig neue Interpretationsansätze diesem Thema widmeten bzw. widmen. Diese analysierten neue wichtige Aspekte und wiesen auf andere Mechanismen hin, aber dieselben Vorgänge und konkreten Aktionen zur "Entscheidung zur Endlösung" wurden immer wieder unterschiedlich ins Verhältnis gesetzt. Eine umfassende Darstellung und Diskussion der Thesen der Intentionalisten bzw. Funktionalisten kann und soll hier ebenso wenig geleistet werden wie die Erläuterung des aktuellen Forschungsstandes. Auch ein definitives abschließendes Fazit über Entstehung und Entwicklung der Entscheidung zur vorsätzlichen und systematischen Tötung der europäischen Juden wird nicht am Ende der Arbeit stehen. Vielmehr wird ein Einblick in verschiedene Interpretationsansätze gegeben werden, anhand derer die Entwicklung der Judenpolitik zwischen 1939 und 1942 in Ausschnitten erläutert werden sollen. Im ersten Teil dieser Arbeit werden die theoretischen Ansätze des Funktionalismus und des Intentionalismus dargestellt. Auch in der heutigen Zeit fungieren sie als Orientierungspunkte innerhalb der Holocaust-Forschung und dienen auch den neuen Ansätze zur Positionierung der eigenen Thesen innerhalb des Gebietes. Die Kontroverse und ihre Ursachen sind zudem grundlegend für das Verständnis der Problematik des Forschungsgegenstandes, welches nötig ist, um sich der Grenzen der jeweils vorliegenden bzw. der eigenen Argumentation bewusst zu werden. Hiervon ausgehend werden drei neuere Ansätze vorgestellt, welche jeweils unterschiedliche Schwerpunkte in ihrer Analyse setzen. Im Folgenden werden die Entwicklungen in der Judenpolitik zwischen September 1939 und Juli 1944 in grober Übersicht dargestellt und die Interpretationen der verschiedenen Ansätze bezüglich der Entwicklungen erläutert. Davon ausgehend wird zusammenfassend der Versuch unternommen, die Entstehung und Entfaltung der physischen Massenvernichtung der europäischen Juden zumindest ansatzweise verständlich zu machen.
Weitere Details
Erschienen: 04.07.2007
Umfang: 28 S., 0.52 MB
Sprache: Deutsch
ISBN/EAN: 9783638821575
Umbreit-Nr.: 6608586
